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Vom unschätzbaren Wert der alten Geschichten

Prof. Dr. Hans-Joachim Gehrke begeistert mit Vortrag am Reichswald-Gymnasium

Die Aula des Reichswald-Gymnasiums war mit gut 200 Besuchern bis auf den letzten Platz gefüllt. Gekommen waren Schüler der Jahrgangsstufen 7 bis 12, Kollegen der geisteswissenschaftlichen Fachschaften der Schule, ein paar Ehemalige, dazu an der Geschichte interessierte Bürger der Region. Angekündigt war einer der führenden Altertumswissenschaftler, Hans-Joachim Gehrke, Professor für Alte Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Die seltene Gelegenheit, einen bekannten Wissenschaftler hautnah und „live“ in der Schule zu erleben. Als sich Gehrke der Aula nähert, brandet bereits Applaus auf, eine freundliche und erwartungsvolle Begrüßung für den Ehrengast. Was folgt, ist ein Vortrag, der die Zuhörer fast 2 Stunden lang in ihren Bann zieht. Gespannte Stille, Konzentration und waches Interesse von der ersten bis zur letzten Minute, über alle Altersstufen und durch alle Reihen des Publikums hinweg. Eine Atmosphäre wie in einem spannenden Kinofilm. Gehrke verstand es meisterhaft zu zeigen, was die Beschäftigung mit der Vergangenheit so faszinierend macht.

Da sind zunächst die vielen dramatischen Geschichten in der Geschichte, die uns auch und gerade nach so vielen Jahrhunderten noch fesseln und begeistern. Mythen und Erzählungen, die die großen Gefühle und Träume des Menschen verdichten, erklären und deuten. Erzählungen von Liebe und Hass, Machtgier und Maßlosigkeit, Triumph und Versagen, Rache und Versöhnung. Geschichten, die für unsere Vorfahren in ihrer Substanz über jeden Zweifel erhaben und für real und wahr gehalten wurden. Geschichten, die in der Antike so gelesen und gehört worden sind wie von uns heute Texte in einem Schulbuch oder Lexikonartikel. Es sind damit Geschichten, die plastisch zeigen, wie anders der Zugriff des Menschen der Vormoderne auf die Deutung der Wirklichkeit gewesen ist. Texte, die uns offenlegen, wie diese Menschen die Welt betrachteten, wie sie dachten und fühlten, darauf weist Gehrke immer wieder hin. Es sind die großen Erzählungen von Achill und Hektor, Odysseus und Aeneas, die Mythen von der Zerstörung Trojas und der Gründung Roms - so unermesslich reiche Schätze unseres kulturellen Erbes.

Was also bleibt von der Antike? Wie sollen wir aber heute mit diesen Texten umgehen? Gehrke verweist auf Worte, die der große preußische Historiker Leopold von Ranke vor fast 200 Jahren über die Aufgaben und den eigentlichen Beruf des Historikers gefunden hat. Ranke schreibt dabei: „Man hat der Historie das Amt, die Vergangenheit zu richten, die Mitwelt zum Nutzen zukünftiger Jahre zu belehren, beigemessen: So hoher Ämter unterwindet sich gegenwärtiger Versuch nicht: er will bloß zeigen, wie es eigentlich gewesen.“ Diese berühmten Worte sollen den Historiker zur Bescheidenheit mahnen, nicht der Versuchung zu erliegen, sich zum allwissenden, moralisch und intellektuell überlegenen Richter über die Menschen früherer Zeiten aufzuschwingen. Vielmehr soll es nach Ranke die Aufgabe des Historikers sein, als „Zwerg auf den Schultern von Riesen“ zuvorderst das Denken und Handeln seiner Vorfahren zu verstehen und auf dem Horizont des damaligen Denkens zu bewerten. Hans-Joachim Gehrke hat in seinem Vortrag deutlich gemacht, dass es nun zunächst darauf ankommt, diese Perspektive einzunehmen: Die großen alten Geschichten also ernst zu nehmen, sie nicht zu belächeln, sondern als Quelle für die Strukturen und Muster der antiken Weltdeutung zu begreifen. Also eine verstehende Haltung zu entwickeln, und dabei erkennen, wie viel Antikes noch in unser aller Denken steckt und worin wir uns von den Menschen dieser fernen Welt unterscheiden. Dabei führte der Referent dem Ramsteiner Publikum wichtige Prinzipien und Haltungen, die den antiken Denkmustern zu Grunde liegen, vor Augen: Erstens dachte der Mensch schon immer in narrativen, also „erzählenden“ Strukturen. Und zweitens war er dabei stets von dem Bedürfnis getrieben, Neues zu erfahren und die Dinge dann zu erklären. „Neugierig auf Unbekanntes sein, nichts als selbstverständlich hinnehmen, alles hinterfragen“ – es lohnt sich, diese Grundhaltungen in der Beschäftigung mit der Antike zu erlernen und sich zu Eigen zu machen, so Gehrke. 

Wie gewinnbringend und für die politischen Herausforderungen unserer Zeit fruchtbar dies sein kann, zeigte Hans-Joachim Gehrke schließlich im kürzeren zweiten Teil des Vortrags. Die Überlegungen der antiken Philosophen zur Organisation des gesellschaftlichen Zusammenlebens, zur Integration verschiedener sozialer Gruppen, die Modelle zur Wahrung des Zusammenhalts und Strategien zur Erhaltung des Friedens. Modelle, ohne die unsere heutigen politischen Organisationsformen gar nicht denkbar wären. Auch hier zeigte sich eindrucksvoll, von welch großem Gewinn es für die Bewältigung der Herausforderungen unserer eigenen Welt ist, sich mit dem Erbe der „Alten“ zu beschäftigen. Stets in der Haltung, hierbei wachen Interesses und kritischen Geistes zu sein.

Wie gut der Vortrag bei seinem Publikum aufgenommen wurde, zeigte sich in der anschließenden Diskussionsrunde, bei der dem Wissenschaftler Fragen zu den verschiedensten Themen seines Fachs gestellt wurden. Fragen, die verrieten, wie sehr sich die Schüler das Wichtigste zu Herzen genommen hatten, das Ihnen Hans-Joachim Gehrke mit auf ihren Lebensweg hat geben wollen. Stets neugierig zu bleiben also. Und nichts als „einfach so gegeben“ hinzunehmen. Ganz so, wie man es aus den Geschichten und philosophischen Texten der Menschen der uns so fernen und doch auch nahen Welt der Antike lernen kann.